Samstag, 3. Oktober 2015

Das Bewertungs-Dilemma

Hallo ihr Lieben!
Heute soll es hier um ein Thema gehen, das mich in letzter Zeit öfter einmal beschäftigt hat: Das Bewerten von Büchern nach einer Skala - bei mir etwas zwischen 1 und 5 Buchwelten. Natürlich bin ich nicht die erste, die zu diesem Thema etwas schreibt, aber es soll hier um meine ganz persönlichen kleinen "Bewertungs-Dilemmata" gehen.
Seitdem ich wieder angefangen habe zu bloggen und Rezensionen zu schreiben, ist mir besonders stark aufgefallen, wie schwierig es sein kann, Bücher - wenigstens nach dem eigenen Maßstab - "fair" zu bewerten.

Wenn ich ein Buch zuklappe und fertig bin, dann habe ich eigentlich bereits eine Vorstellung, wo ich das Buch einordnen würde. Sozusagen ist das meine Bauchgefühl-Bewertung. Dann setze ich mich aber natürlich an den PC und schreibe eine Rezension, oder ich mache mir Notizen, etc. Ergo mache ich mir zu den Facetten des Buches ein paar tiefer gehende Gedanken, als ich es vielleicht während des Lesens getan habe. Jeder hat seine Checkliste: Figuren, Weltentwurf, Spannungsbogen, Handlung und Schreibstil sind das bei mir meistens. Habe ich dann die Rohfassung der Rezension getippt, habe ich für jeden dieser Punkte zumindest überlegt, ob es etwas erwähnenswertes Positives oder Negatives zu sagen gibt. Und dann geht es los: 

Bauchgefühl: "Das waren eindeutig 5 Sterne! Tolles Buch! Kauf den nächsten Band! Jetzt mach schon!"
Kopf: "Mal langsam, so überwältigend war es nicht. Der Schreibstil hat uns doch nun nicht so beeindruckt..."
Bauchgefühl: "Mach keinen Wind, du alter Besserwisser-Halb-Germanist! Es muss ja nicht jeder pro Satz vier bildungssprachliche Fremdwörter einbauen."
Kopf: "Schon, aber wenn wir ehrlich miteinander sind, hätten die ersten Seiten außerdem ein bisschen mehr Tempo haben können."
Bauchgefühl: "Die restlichen 300 Seiten haben das doch mehr als wett gemacht."
Kopf: "Ja, die waren toll, aber trotzdem hätte es auch vorher schon so gut sein können."
Bauchgefühl: "Dir kann man es auch nicht recht machen. Immer musst du alles totdenken!"

Wenn ich ein Buch zuklappe und es mich so begeistert hat, dass ich ihm intuitiv 5 Sterne geben will, dann hat es einen guten Eindruck hinterlassen. Analysiert man die Geschichte beim Bewerten vielleicht tot? Zerdenkt man die Strukturen, die einen eigentlich total begeistert haben, weil sie beim näheren hinschauen eben doch nicht so innovativ und neu waren? Ich glaube, bei mir ist das tatsächlich manchmal so. Ich kann ein Buch auch dann genießen, wenn es einem Muster folgt, dass ich so in etwa schon aus zehn anderen Büchern kenne. Sie machen mir einen Heidenspaß, aber ich vergebe in der Bewertung dann trotz aller Begeisterung doch keine 5 Sterne (mehr), weil es keines dieser ganz besonderen Bücher war, das die Bestwertung verdient hätte.

Neben dem Bewerten aktuell gelesener und rezensierter Bücher stelle ich aber etwas anderes fest: manchmal habe ich heute ein ganz anderes (Erinnerungs-)Bild von einem Buch.
Ein Beispiel: vor etwas über vier Jahren (Mensch, die Zeit rennt!) habe ich "Engel der Nacht" von Becca Fitzpatrick 4 von 5 Buchwelten gegeben. Letztes Jahr habe ich aus Platzmangel heraus mal mein Regal aussortiert und im Zuge dessen "Engel der Nacht" nochmal angelesen. Ich fand es grottenschlecht und habe es nach ca. 100 Seiten abgebrochen und ohne jeden Gewissensbiss weggeben. Als ich danach meine eigene Rezension gelesen habe, schüttelte ich verzweifelt den Kopf, weil ich beim besten Willen nicht mehr nachvollziehen kann, warum ich das damals so empfunden habe.
Ähnliches ist bei "Nach dem Sommer" von Maggie Stiefvater passiert. Das Buch hat sogar 4,5 von 5 Buchwelten von mir bekommen. Wenn ich meinen Leseeindruck jetzt aber nach einigen Jahren beschreiben müsste, dann fällt mir dazu ein: wenig erinnernswert, langatmig, kaum spannend. Einzig die Charaktere habe ich auch jetzt noch in guter Erinnerung.

Was tun in solchen Fällen? Es juckt mich in den Fingern, hier sozusagen "umzubewerten". Aber auf der anderen Seite habe ich mir damals bei Rezension und Bewertung auch etwas gedacht. Inzwischen bin ich einfach nur älter geworden und mein Lesegeschmack hat sich in seinen Nuancen, z. T. sogar im Genre insgesamt, verändert. Also habe ich entschieden, die Bücher auf dem Blog nicht umzubewerten, sondern einfach stehen zu lassen. Schließlich kann dasselbe in fünf Jahren von heute an auch passieren, wenn ich mir die Rezensionen durchlese, die ich dieser Tage schreibe.

Auf Goodreads jedoch habe ich einige dieser 2010 oder 2011 gelesen Bücher tatsächlich anders bewertet, als ich sie letztens hinzugefügt habe, da dort keine ganze Rezension an der Bewertung hängt. Das passiert insgesamt auch deshalb, weil ich inzwischen ein wenig "strenger" bewerte. Früher (vor der Blogpause) haben 90-95 % der von mir gelesenen Bücher zwischen 4 und 5 Sterne erhalten. Das ist jetzt anders. Man frage mich bitte nicht, woran genau das liegt. Auch diesbezüglich habe ich mich mit der Zeit einfach verändert und weiterentwickelt. Inzwischen verdient in meinem Augen nicht mehr jedes Buch 4 Sterne oder mehr - was gleichzeitig bedeutet, dass auch ein 3-Sterne-Buch mich evtl. gut unterhalten hat.

Wie geht es Euch: Hört ihr beim Bewerten auf euer Bauchgefühl oder seid ihr ganz objektiv? Und seid ihr auch Jahre später noch mit all euren Rezensionen und Bewertungen einverstanden? Erzählt!
Liebe Grüße, Jasmin.

Kommentare:

  1. Sehr interessanter Beitrag!
    Ich finde es ehrlich gesagt manchmal sehr schwer, ein Buch zu bewerten. Ich neige dann doch eher dazu, das Buch besser zu bewerten als schlechter. Keine Ahnung wieso.
    Das mit dem 1-5 Sterne System hatte ich anfangs auch, musste dann allerdings umsteigen, weil es mir einfach nicht gepasst hat. Jetzt unterteile ich nur noch grob in „emfehlenswert" oder „nicht empfehlenswert" bzw. mit einigen intuitiven Zwischenstufen. Im Grunde ist der Text dann ja doch das wichtigste, da versuche ich auch zu schreiben, für wen sich das Buch eignen könnte.

    Die Bücher nachträglich umzubewerten wäre ja eine Heidenarbeit! Ich meine, der Geschmack verändert sich nunmal und ich glaube nicht, dass dich jemand auf deine Rezensionen festnageln wird. Aber ich verstehe, was du meinst.
    Ich weiß grad gar nicht, ob ich ein Buch schlechter bewerten würde. Das einzige, was mich an älteren Rezensionen stört, ist, dass die teilweise zu kurz ausgefallen sind. :D Dahingehend würde ich manche gerne nachträglich bearbeiten, aber bis jetzt war mir der Aufwand (noch) zu hoch. ;D

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    1. Da hast du recht, diese 5 Sterne-Systeme sind nicht immer so einfach. Insgesamt sind sie für mich aber schon eine Konvention beim Rezensieren und Bewerten, sodass ich sie nicht missen möchte. Außerdem bietet eine solche Bewertung Lesern meiner Meinung nach schon eine Orientierung.

      *lach* Naja, auf Goodreads ist das keine so große Arbeit. Da klickt man halt einen Stern rauf oder runter und fertig. Auf dem Blog ist das allerdings auf jeden Fall so, ja - deswegen habe ich es hier bisher auch noch nicht gemacht.
      Alte Rezensionen zu lesen finde ich insgesamt sowieso etwas witzig. Ich hatte damals noch einen ganz anderen Schreibstil, weniger logische Unterteilungen und und und... Man wächst eben mit der Anzahl der geschriebenen Rezis ;). Deswegen werde ich ebenfalls von dem ganzen Aufwand absehen, Rezensionen von vor 4 Jahren extra umzuschreiben.

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  2. Du kannst Gedanken lesen, ich komme bei diesem Thema nämlich auch oft ins Grübeln. Viele Bücher würde ich mittlerweile am liebsten umbewerten, weil ich weiß, dass sie mir nicht mehr so gefallen würden wie damals. Früher war ich bei positiven Bewertungen so viel großzügiger, heute dagegen oft sehr kritisch. Manchmal finde ich es unfair einem Buch vor ein paar Jahren eine bestimmte Wertung gegeben zu haben, die heute nicht mehr möglich wäre. Man wird kritischer, man hat viel Vergleichbares gelesen etc. Allerdings bin ich zu dem gleichen Entschluss gekommen wie du - im Blog ändere ich nachträglich nichts mehr, momentan noch nicht mal bei Goodreads, weil die dortige Wertung für mich immer die ist, die ich sofort nach dem Lesen gebe und bei der das Herz bzw der Bauch die Oberhand hat. Wenn ich eine Rezi schreibe, zerdenke ich die Wertung auch oft bis ich mich frage wie ich überhaupt auf so viele Sterne gekommen bin, obwohl es genug zu kritisieren gibt. Aber auch da ändere ich meinen ersten Eindruck nur selten, nur die Rezi wird halt genauer und kritischer. Alles zu ändern wäre mir auch zu viel Arbeit und wer weiß ob ich das bei meinen jetzigen Reviews nach ein paar Jahren nicht auch denke ;)
    Hast du was dagegen wenn ich in einem eigenen Post nochmal darüber rede? Ich finde das Thema nämlich wirklich spannend.
    Liebe Grüße, Melli

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    1. Dass du über die Jahre in deinen Rezensionen kritischer geworden bist, das ist mir ebenfalls aufgefallen *lach*. Auch wenn ich selbst eine Weile nicht gebloggt habe, habe ich doch bei dir konstant immer mal wieder mitgelesen. So viele 4 oder gar 5 Sterne begegnen einem bei dir nicht mehr. ;) Du hast da vollkommen recht. Inzwischen ist man sowohl beim Lesen in seinem Genre als auch beim Bewerten innerlich ein alter Hase und hat einfach einen anderen Blickwinkel mit viel Vergleichen und Abwägen (Ich klinge, als wäre ich 87 Jahre alt :D).
      Ein bisschen Herz und Bauch sollten bei einer Bewertung schon dabei sein, wenn man mich fragt. Es geht ja schließlich (auch) darum, dass ein Buch emotional berührt und nicht nur um logische Dinge wie Stringenz oder Denkwürdigkeit des Themas *lach*.

      Ach Quatsch, ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn du dazu auch was schreibst. Wenn überhaupt, dann würde ich dich nachträglich noch in einem Post verlinken. Ich habe das Thema doch nicht für mich gepachtet, da haben andere schon viel eher drüber geschrieben als ich. Ich komme gern bei dir vorbei, um deine Gedanken zum Thema durchzuschnüffeln ;).

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    2. Ich muss zugeben, ich denke mir selbst oft, dass ich viel zu kritisch geworden bin :/ es gab Zeiten da fiel es mir so schwer Punkte aufzuzeigen, die ich als negativ empfand und für negative Rezis habe ich ewig gebraucht. Mittlerweile fällt mir das nicht mehr schwer und ich hab bemerkt, dass ich sogar aufpassen muss um ein Buch nicht nur auseinander zu nehmen. Ich weiß nicht wann oder wie das passiert ist, aber meine Reviews sollen wieder positiver werden. Es kann ja nicht sein, dass ich bspw ein 4 Sterne Buch nur zerklaube. Wo soll da die Empfehlung sein? ^^' ich hätte nie gedacht, dass es so leicht wird so zu kritisieren *seufz* ähm ja, wo war ich? Achja, wegen den Bewertungen an sich. Ich bin oft in Versuchung eine bessere zu geben, aber dann fallen mir immer Bücher mit der gleichen Wertung ein und ich beginne die Geschichten untereinander zu vergleichen und muss dann eingestehen, dass eine der Geschichten meist schwächer ist und schwupps, ein Stern weniger obwohl es trotzdem gut war nur im Vergleich nicht standhalten konnte. Ich hab mich schon gefragt, ob es einfacher wäre auf die Wertung zu verzichten und den Leseeindruck für sich stehen zu lassen...

      Super, danke. Dann kommt in den nächsten Tagen mal mein Post dazu :)

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